Heinrich von Kleist, 1810 · 960 words · level C2 · 4 parts
A story to read at C2: the original text (Berliner Abendblätter, 10tes Blatt, Berlin 1810), with questions to check your understanding after each part and a short glossary of words that have changed since 1810. In the app the tutor reads it with you, asks the questions and explains the answers.
Part 1
Am Fuße der Alpen, bei Locarno im oberen Italien, befand sich ein altes, einem Marchese gehöriges Schloss, das man jetzt, wenn man vom St. Gotthard kommt, in Schutt und Trümmern liegen sieht; ein Schloss, mit hohen und weitläufigen Zimmern, in deren Einem einst, auf Stroh, das man ihr unterschüttete, eine alte, kranke Frau, die sich bettelnd vor der Tür eingefunden hatte, von der Hausfrau, aus Mitleiden, gebettet worden war. Der Marchese, der, bei der Rückkehr von der Jagd, zufällig in das Zimmer trat, wo er seine Büchse abzusetzen pflegte, befahl der Frau unwillig, aus dem Winkel, in welchem sie lag, aufzustehn, und sich hinter den Ofen zu verfügen. Die Frau, da sie sich erhob, glitschte mit der Krücke auf dem glatten Boden aus, und beschädigte sich auf eine gefährliche Weise das Kreuz; dergestalt, dass sie zwar noch mit unsäglicher Mühe aufstand, und quer, wie es ihr vorgeschrieben war, über das Zimmer ging: hinter den Ofen aber, unter Stöhnen und Ächzen, niedersank und verschied.
Mehrere Jahre darauf, da der Marchese, durch Krieg und Misswachs, in bedenkliche Vermögensumstände geraten war, fand sich ein genuesischer Ritter bei ihm ein, der das Schloss, seiner schönen Lage wegen, von ihm kaufen wollte. Der Marchese, dem viel an dem Handel gelegen war, gab seiner Frau auf, den Fremden in dem obenerwähnten, leerstehenden Zimmer, das sehr schön und bequem eingerichtet war, unterzubringen.
Glossary
der Marchese
italienischer Adelstitel (Markgraf)
in Schutt und Trümmern
zerstört
weitläufig
groß, ausgedehnt
betten
ein Lager bereiten
die Büchse
das Gewehr
sich verfügen
sich begeben
ausglitschen
ausrutschen
das Kreuz
hier: der untere Rücken
dergestalt
so
verscheiden
sterben
der Misswachs
die Missernte
jemandem aufgeben
jemandem auftragen
Questions on the text
Wer hat der alten Frau im Schloss ein Lager gegeben?
Ein Ritter.
Der Marchese.
Die Hausfrau, aus Mitleid.
Was befiehlt der Marchese der Frau?
Aufzustehen und sich hinter den Ofen zu verfügen.
Ihm die Büchse zu bringen.
Das Schloss sofort zu verlassen.
Warum will der Marchese das Schloss später verkaufen?
Weil es dort spukt.
Weil er durch Krieg und Missernten verarmt ist.
Weil er nach Genua zieht.
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Part 2
Aber wie betreten war das Ehepaar, als der Ritter mitten in der Nacht, verstört und bleich, zu ihnen herunter kam, hoch und teuer versichernd, dass es in dem Zimmer spuke, indem etwas, das dem Blick unsichtbar gewesen, mit einem Geräusch, als ob es auf Stroh gelegen, im Zimmerwinkel aufgestanden, mit vernehmlichen Schritten, langsam und gebrechlich, quer über das Zimmer gegangen, und hinter dem Ofen, unter Stöhnen und Ächzen niedergesunken sei.
Der Marchese erschrocken, er wusste selbst nicht recht warum, lachte den Ritter mit erkünstelter Heiterkeit aus, und sagte, er wolle sogleich aufstehen, und die Nacht, zu seiner Beruhigung, mit ihm in dem Zimmer zubringen. Doch der Ritter bat um die Gefälligkeit, ihm zu erlauben, dass er auf dem Lehnstuhl, in seinem Schlafzimmer übernachte; und als der Morgen kam, ließ er anspannen, empfahl sich und reiste ab.
Dieser Vorfall, der außerordentliches Aufsehen machte, schreckte, auf eine dem Marchese höchst unangenehme Weise, mehrere Käufer ab; dergestalt, dass, da sich unter seinem eigenen Hausgesinde, befremdend und unbegreiflich, das Gerücht erhob, dass es in dem Zimmer, zur Mitternachtstunde, umgehe, er, um es, mit einem kurzen Verfahren, niederzuschlagen, beschloss, die Sache in der nächsten Nacht selbst zu untersuchen. Demnach ließ er, beim Einbruch der Dämmerung, sein Bett in dem besagten Zimmer aufschlagen, und erharrte, ohne zu schlafen, die Mitternacht. Aber wie erschüttert war er, als er in der Tat, mit dem Schlage der Geisterstunde, das unbegreifliche Geräusch wahrnahm; es war, als ob ein Mensch sich von Stroh, das unter ihm knisterte, erhob, quer über das Zimmer ging, und hinter dem Ofen, unter Geseufz und Geröchel niedersank.
Glossary
betreten sein
verlegen, erschrocken sein
hoch und teuer versichern
schwören
vernehmlich
hörbar
gebrechlich
schwach
erkünstelt
gespielt
zubringen
verbringen
die Gefälligkeit
der Gefallen
anspannen lassen
die Kutsche fertig machen lassen
sich empfehlen
sich verabschieden
das Hausgesinde
die Dienerschaft
umgehen
hier: spuken
erharren
warten auf
Questions on the text
Was erlebt der Ritter in der Nacht?
Er hört, wie etwas Unsichtbares vom Stroh aufsteht, durchs Zimmer geht und hinter dem Ofen niedersinkt.
Er sieht eine alte Frau am Fenster.
Er hört den Hund bellen.
Wie reagiert der Marchese zunächst?
Er glaubt dem Ritter sofort.
Er lacht ihn mit gespielter Heiterkeit aus.
Er verkauft das Schloss billiger.
Was tut der Marchese, als sich das Gerücht verbreitet?
Er ruft einen Priester.
Er lässt das Zimmer zumauern.
Er untersucht die Sache in der nächsten Nacht selbst.
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Part 3
Die Marquise, am andern Morgen, da er herunter kam, fragte ihn, wie die Untersuchung abgelaufen; und da er sich, mit scheuen und ungewissen Blicken, umsah, und, nachdem er die Tür verriegelt, versicherte, dass es mit dem Spuk seine Richtigkeit habe: so erschrak sie, wie sie in ihrem Leben nicht getan, und bat ihn, bevor er die Sache verlauten ließe, sie noch einmal, in ihrer Gesellschaft, einer kaltblütigen Prüfung zu unterwerfen. Sie hörten aber samt einen treuen Bedienten, den sie mitgenommen hatten, in der Tat, in der nächsten Nacht, dasselbe unbegreifliche, gespensterartige Geräusch; und nur der dringende Wunsch, das Schloss, es koste was es wolle, los zu werden, vermochte sie, das Entsetzen, das sie griff, in Gegenwart ihres Dieners, zu unterdrücken, und dem Vorfall irgend eine gleichgültige und zufällige Ursache, die sich entdecken lassen müsse, unterzuschieben. Am Abend des dritten Tages, da beide, um der Sache auf den Grund zu kommen, mit Herzklopfen wieder die Treppe zu dem Fremdenzimmer bestiegen, fand sich zufällig der Haushund, den man von der Kette losgelassen hatte, vor der Tür desselben ein; dergestalt, dass die Marquise, in der unwillkürlichen Absicht, außer ihrem Mann noch etwas Drittes, Lebendiges, bei sich zu haben, den Hund mit sich ins Zimmer nahm. Das Ehepaar, zwei Lichter auf dem Tisch, die Marquise unausgezogen, der Marchese Degen und Pistolen, die er aus dem Schrank genommen, neben sich, setzen sich, gegen eilf Uhr, jeder auf sein Bett; und während sie sich mit Gesprächen, so gut es sein kann, zu unterhalten suchen, legt sich der Hund, Kopf und Beine zusammengekauert, in der Mitte des Zimmers nieder, und schläft ein.
Glossary
verriegeln
abschließen
seine Richtigkeit haben
wahr sein
verlauten lassen
bekannt machen
kaltblütig
ruhig und sachlich
der Bediente
der Diener
unterschieben
als Erklärung geben
die Ursache
der Grund
unwillkürlich
ohne Absicht
unausgezogen
angezogen
der Degen
eine Stichwaffe
eilf
elf
zusammengekauert
eng zusammengerollt
Questions on the text
Worum bittet die Marquise ihren Mann?
Das Schloss sofort zu verlassen.
Die Sache gemeinsam und kaltblütig zu prüfen, bevor er davon erzählt.
Den Ritter zurückzuholen.
Warum unterdrücken sie ihr Entsetzen vor dem Diener?
Sie haben keine Angst.
Der Diener ist taub.
Sie wollen das Schloss unbedingt loswerden.
Warum nimmt die Marquise den Hund mit ins Zimmer?
Um noch etwas Drittes, Lebendiges bei sich zu haben.
Der Hund wollte nicht draußen bleiben.
Zum Schutz vor Dieben.
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Part 4
Drauf, in dem Augenblick der Mitternacht, lässt sich das entsetzliche Geräusch wieder hören; jemand, den kein Mensch mit Augen sehen kann, hebt sich, auf Krücken, im Zimmerwinkel empor; man hört das Stroh, das unter ihm rauscht; und mit dem ersten Schritt: tapp! tapp! erwacht der Hund, hebt sich plötzlich, die Ohren spitzend, vom Boden empor, und knurrend und bellend, grad’ als ob ein Mensch auf ihn eingeschritten käme, rückwärts gegen den Ofen, weicht er aus. Bei diesem Anblick stürzt die Marquise, mit sträubenden Haaren, aus dem Zimmer; und während der Marchese, der den Degen ergriffen: werda? ruft, und da ihm niemand antwortet, gleich einem Rasenden, nach allen Richtungen, die Luft durchhaut, lässt sie den Wagen anspannen, in der Absicht, um nach der Stadt zu fahren. Aber ehe sie noch aus dem Tor gerasselt, sieht sie schon das Schloss ringsum in Flammen aufgehen. Der Marchese, von Entsetzen überreizt, hatte eine brennende Kerze genommen, und es an allen vier Ecken, müde seines Lebens, angesteckt. Vergebens schickte sie Leute hinein, den Unglücklichen zu retten; er war, auf die elendiglichste Weise bereits umgekommen, und noch jetzt liegen, von den Landleuten zusammengetragen, seine weißen Gebeine in dem Winkel des Zimmers, von welchem er, als er von der Jagd kam, das Bettelweib hatte aufstehen heißen.
Glossary
empor
nach oben
die Ohren spitzen
aufmerksam horchen
werda?
„Wer ist da?“ (Ruf der Wache)
der Rasende
jemand außer sich
durchhauen
durch die Luft schlagen
überreizt
überspannt
müde seines Lebens
lebensmüde
vergebens
umsonst
elendiglich
auf elende Weise
die Gebeine
die Knochen eines Toten
die Landleute
die Bauern der Umgebung
Questions on the text
Was tut der Hund um Mitternacht?
Er läuft aus dem Zimmer.
Er schläft weiter.
Er erwacht, knurrt und weicht rückwärts zum Ofen aus, als käme jemand auf ihn zu.
Was sieht die Marquise, als ihr Wagen das Tor verlässt?
Das Schloss ringsum in Flammen.
Die alte Frau auf der Straße.
Den Marchese am Fenster.
Wo liegen die Gebeine des Marchese noch heute?
Auf dem Friedhof von Locarno.
In dem Winkel des Zimmers, aus dem er das Bettelweib vertrieben hatte.
Im Schlossgarten.
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