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German reading · B2

Der kluge Richter

Johann Peter Hebel, 1811 · 444 words · level B2 · 2 parts

A story to read at B2: the original text (Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, Tübingen 1811), with questions to check your understanding after each part and a short glossary of words that have changed since 1811. In the app the tutor reads it with you, asks the questions and explains the answers.

Part 1

Dass nicht alles so uneben sei, was im Morgenlande geschieht, das haben wir schon einmal gehört. Auch folgende Begebenheit soll sich daselbst zugetragen haben: Ein reicher Mann hatte eine beträchtliche Geldsumme, welche in ein Tuch eingenäht war, aus Unvorsichtigkeit verloren. Er machte daher seinen Verlust bekannt, und bot, wie man zu tun pflegt, dem ehrlichen Finder eine Belohnung, und zwar von hundert Talern an. Da kam bald ein guter und ehrlicher Mann dahergegangen. „Dein Geld habe ich gefunden. Dies wirds wohl sein! So nimm dein Eigentum zurück!“ So sprach er mit dem heitern Blick eines ehrlichen Mannes und eines guten Gewissens, und das war schön. Der andere machte auch ein fröhliches Gesicht, aber nur, weil er sein verloren geschätztes Geld wieder hatte. Denn wie es um seine Ehrlichkeit aussah, das wird sich bald zeigen. Er zählte das Geld, und dachte unterdessen geschwinde nach, wie er den treuen Finder um seine versprochene Belohnung bringen könnte. „Guter Freund“, sprach er hierauf, „es waren eigentlich 800 Taler in dem Tuch eingenäht. Ich finde aber nur noch 700 Taler Ihr werdet also wohl eine Naht aufgetrennt und eure 100 Taler Belohnung schon heraus genommen haben. Da habt ihr wohl daran getan. Ich danke euch.“ Das war nicht schön. Aber wir sind auch noch nicht am Ende. Ehrlich währt am längsten und Unrecht schlägt seinen eigenen Herrn.

Glossary

uneben
hier: schlecht, falsch
das Morgenland
der Orient
die Begebenheit
das Ereignis
daselbst
dort
beträchtlich
groß
die Belohnung
Geld als Dank
der Taler
eine alte Münze
geschwinde
schnell
jemanden um etwas bringen
jemandem etwas wegnehmen
Unrecht schlägt seinen eigenen Herrn
Unrecht schadet dem, der es tut

Questions on the text

  1. Was verspricht der reiche Mann dem Finder?
    • Die Hälfte des Geldes.
    • Ein Tuch.
    • 100 Taler Belohnung.
  2. Wie verhält sich der Finder?
    • Er gibt das Geld ehrlich zurück.
    • Er versteckt das Geld.
    • Er behält 100 Taler.
  3. Was behauptet der reiche Mann?
    • Der Finder sei ein Dieb und gehöre ins Gefängnis.
    • Es waren 800 Taler, also habe der Finder 100 schon genommen.
    • Das Geld gehört ihm nicht.

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Part 2

Der ehrliche Finder, dem es weniger um die 100 Taler als um seine unbescholtene Rechtschaffenheit zu tun war, versicherte, dass er das Päcklein so gefunden habe, wie er es bringe, und es so bringe, wie ers gefunden habe. Am Ende kamen sie vor den Richter. Beide bestanden auch hier noch auf ihrer Behauptung, der eine, dass 800 Taler seien eingenäht gewesen, der andere, dass er von dem Gefundenen nichts genommen und das Päcklein nicht versehrt habe. Da war guter Rat teuer. Aber der kluge Richter, der die Ehrlichkeit des einen und die schlechte Gesinnung des andern zum Voraus zu kennen schien, griff die Sache so an: Er ließ sich von beiden über das was sie aussagten, eine feste und feierliche Versicherung gehen, und tat hierauf folgenden Ausspruch: „Demnach, und wenn der eine von euch 800 Taler verloren, der andere aber nur ein Päcklein mit 700 Taler gefunden hat, so kann auch das Geld des Letztern nicht das nämliche sein, auf welches der erstere ein Recht hat. Du, ehrlicher Freund nimmst also das Geld, welches du gefunden hast, wieder zurück, und behältst es in guter Verwahrung, bis der kommt, welcher nur 700 Taler verloren hat. Und dir da weiß ich keinen Rat, als du geduldest dich, bis derjenige sich meldet, der deine 800 Taler findet.“ So sprach der Richter, und dabei blieb es.

Glossary

unbescholten
mit gutem Ruf
die Rechtschaffenheit
die Ehrlichkeit
versehren
beschädigen
die Gesinnung
die innere Einstellung
zum Voraus
im Voraus
der Ausspruch
das Urteil
demnach
also
der nämliche
derselbe
die Verwahrung
sichere Aufbewahrung
sich gedulden
warten

Questions on the text

  1. Worum geht es dem ehrlichen Finder vor allem?
    • Um seinen guten Ruf.
    • Um das Tuch.
    • Um die 100 Taler.
  2. Was lässt der Richter beide tun?
    • Das Geld teilen.
    • Eine feierliche Versicherung über ihre Aussagen geben.
    • Sich entschuldigen.
  3. Wie entscheidet der Richter?
    • Der Reiche bekommt alles zurück.
    • Das Geld geht an den Staat.
    • Der Finder behält die 700 Taler, bis jemand kommt, der 700 verloren hat; der Reiche muss warten, bis jemand 800 findet.

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Source: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, Tübingen 1811 via Wikisource; the text is in the public domain. More: all stories by level.