Brüder Grimm, 1857 · 1189 Wörter · Niveau B1 · 6 Teile
Eine Geschichte zum Lesen auf B1: der Originaltext (Kinder- und Hausmärchen, Band 1, Göttingen 1857), mit Fragen nach jedem Teil, die dein Verständnis prüfen, und einem kurzen Glossar der Wörter, die sich seit 1857 verändert haben. In der App liest der Tutor sie mit dir, stellt die Fragen und erklärt die Antworten.
Teil 1
Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so dass er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen, aber der Esel merkte dass kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen: dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden. Als er ein Weilchen fortgegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der jappte wie einer, der sich müde gelaufen hat. „Nun, was jappst du so, Packan?“ fragte der Esel. „Ach,“ sagte der Hund, „weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde, auch auf der Jagd nicht mehr fort kann, hat mich mein Herr wollen tot schlagen, da hab ich Reißaus genommen; aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?“ „Weißt du was,“ sprach der Esel, „ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant, geh mit und lass dich auch bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.“ Der Hund wars zufrieden, und sie gingen weiter. Es dauerte nicht lange, so saß da eine Katze an dem Weg und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. „Nun, was ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?“ sprach der Esel.
Glossar
unverdrossen
ohne zu klagen
untauglich
nicht mehr brauchbar
jemanden aus dem Futter schaffen
jemanden loswerden
jappen
schwer atmen, hecheln
Packan
Spitzname für einen Hund
Reißaus nehmen
weglaufen
die Laute
ein Saiteninstrument
ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter
ein sehr trauriges Gesicht
der Bartputzer
scherzhaft: die Katze
Fragen zum Text
Warum läuft der Esel fort?
Er hat Streit mit dem Hund.
Er will Bremen sehen.
Sein Herr will ihn loswerden, weil er zu schwach für die Arbeit wird.
Warum ist der Hund weggelaufen?
Sein Herr wollte ihn totschlagen, weil er alt ist.
Er hat Hunger.
Er sucht die Katze.
Welche Instrumente sollen Esel und Hund spielen?
Geige und Flöte.
Laute und Pauken.
Trompete und Trommel.
Erst überlegen, dann die Antworten zeigen; in der App erklärt sie der Tutor.
Teil 2
„Wer kann da lustig sein, wenns einem an den Kragen geht,“ antwortete die Katze, „weil ich nun zu Jahren komme, meine Zähne stumpf werden, und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne, als nach Mäusen herum jage, hat mich meine Frau ersäufen wollen; ich habe mich zwar noch fortgemacht, aber nun ist guter Rat teuer: wo soll ich hin?“ „Geh mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch auf die Nachtmusik, da kannst du ein Stadtmusikant werden.“ Die Katze hielt das für gut und ging mit. Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof vorbei, da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. „Du schreist einem durch Mark und Bein,“ sprach der Esel, „was hast du vor?“ „Da hab ich gut Wetter prophezeit,“ sprach der Hahn, „weil unserer lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Christkindlein die Hemdchen gewaschen hat und sie trocknen will; aber weil morgen zum Sonntag Gäste kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen, und hat der Köchin gesagt sie wollte mich morgen in der Suppe essen, und da soll ich mir heut Abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei ich aus vollem Hals, so lang ich noch kann.“
Glossar
es geht einem an den Kragen
man ist in Lebensgefahr
zu Jahren kommen
alt werden
spinnen
hier: schnurren (Katze)
ersäufen
im Wasser töten
guter Rat ist teuer
man weiß nicht, was man tun soll
aus Leibeskräften
so laut man kann
durch Mark und Bein
sehr laut, durchdringend
prophezeien
voraussagen
das Erbarmen
das Mitleid
Fragen zum Text
Warum wollte die Frau die Katze ersäufen?
Die Katze ist alt und jagt keine Mäuse mehr.
Die Katze hat die Milch getrunken.
Die Katze kratzt die Kinder.
Warum schreit der Hahn so laut?
Er freut sich auf den Sonntag.
Er soll morgen in der Suppe gekocht werden.
Er sieht den Wolf.
Wer sind die „drei Landesflüchtigen“?
Drei Musikanten aus Bremen.
Drei Räuber.
Esel, Hund und Katze.
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Teil 3
„Ei was, du Rotkopf,“ sagte der Esel, „zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so muss es eine Art haben.“ Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen, und sie gingen alle viere zusammen fort.
Sie konnten aber die Stadt Bremen in einem Tag nicht erreichen und kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn machten sich in die Äste, der Hahn aber flog bis in die Spitze, wo es am sichersten für ihn war. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier Winden um, da däuchte ihn er sähe in der Ferne ein Fünkchen brennen und rief seinen Gesellen zu es müsste nicht gar weit ein Haus sein, denn es scheine ein Licht. Sprach der Esel „so müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht.“ Der Hund meinte ein paar Knochen und etwas Fleisch dran, täten ihm auch gut. Also machten sie sich auf den Weg nach der Gegend, wo das Licht war, und sahen es bald heller schimmern, und es ward immer größer, bis sie vor ein hell erleuchtetes Räuberhaus kamen.
Glossar
der Rotkopf
scherzhaft: der Hahn
es muss eine Art haben
es muss gut klingen
der Geselle
der Kamerad
es däuchte ihn
es schien ihm
das Fünkchen
kleines Licht
die Herberge
die Unterkunft
Fragen zum Text
Was rät der Esel dem Hahn?
Leiser zu schreien.
Mitzukommen, denn etwas Besseres als den Tod findet man überall.
Zu Hause zu bleiben.
Wo schlafen die Tiere im Wald?
In einer Höhle.
Alle unter einem Baum.
Esel und Hund unter dem Baum, Katze und Hahn in den Ästen.
Was sieht der Hahn von der Baumspitze?
Ein Licht in der Ferne.
Die Stadt Bremen.
Einen Fluss.
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Teil 4
Der Esel, als der größte, näherte sich dem Fenster und schaute hinein. „Was siehst du, Grauschimmel?“ fragte der Hahn. „Was ich sehe?“ antwortete der Esel, „einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und lassens sich wohl sein.“ „Das wäre was für uns“ sprach der Hahn. „Ja, ja, ach, wären wir da!“ sagte der Esel. Da ratschlagten die Tiere wie sie es anfangen müssten, um die Räuber hinaus zu jagen und fanden endlich ein Mittel. Der Esel musste sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster stellen, der Hund auf des Esels Rücken springen, die Katze auf den Hund klettern, und endlich flog der Hahn hinauf, und setzte sich der Katze auf den Kopf. Wie das geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen insgesamt an ihre Musik zu machen: der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte; dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein dass die Scheiben klirrten. Die Räuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe, meinten nicht anders als ein Gespenst käme herein und flohen in größter Furcht in den Wald hinaus.
Glossar
der Grauschimmel
scherzhaft: der Esel
es sich wohl sein lassen
es sich gut gehen lassen
ratschlagen
sich beraten
insgesamt
alle zusammen
krähen
rufen (Hahn)
die Scheibe
das Fensterglas
in die Höhe fahren
erschrocken aufspringen
Fragen zum Text
Was sieht der Esel durch das Fenster?
Einen schlafenden Mann.
Einen leeren Raum.
Räuber an einem gedeckten Tisch.
Wie stellen sich die Tiere auf?
Übereinander: Esel, Hund, Katze, Hahn.
Der Hahn unten, der Esel oben.
Nebeneinander vor der Tür.
Was denken die Räuber bei dem Lärm?
Dass es ein Konzert ist.
Dass ein Gespenst hereinkommt.
Dass die Polizei kommt.
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Teil 5
Nun setzten sich die vier Gesellen an den Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was übrig geblieben war, und aßen als wenn sie vier Wochen hungern sollten.
Wie die vier Spielleute fertig waren, löschten sie das Licht aus und suchten sich eine Schlafstätte, jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter die Türe, die Katze auf den Herd bei die warme Asche, und der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken: und weil sie müde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie auch bald ein. Als Mitternacht vorbei war, und die Räuber von weitem sahen dass kein Licht mehr im Haus brannte, auch alles ruhig schien, sprach der Hauptmann „wir hätten uns doch nicht sollen ins Bockshorn jagen lassen,“ und hieß einen hingehen und das Haus untersuchen. Der Abgeschickte fand alles still, ging in die Küche, ein Licht anzuzünden, und weil er die glühenden, feurigen Augen der Katze für lebendige Kohlen ansah, hielt er ein Schwefelhölzchen daran, dass es Feuer fangen sollte. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte.
Glossar
mit etwas vorliebnehmen
mit etwas zufrieden sein
die Spielleute
die Musikanten
der Mist
der Misthaufen
der Hahnenbalken
Balken unter dem Dach
sich ins Bockshorn jagen lassen
sich einschüchtern lassen
der Abgeschickte
der, den man geschickt hat
das Schwefelhölzchen
das Streichholz
keinen Spaß verstehen
schnell böse werden
Fragen zum Text
Wo schläft die Katze?
Auf dem Herd bei der warmen Asche.
Auf dem Mist.
Hinter der Tür.
Was sagt der Hauptmann nach Mitternacht?
Sie sollen nach Bremen gehen.
Sie hätten sich nicht so leicht erschrecken lassen sollen.
Sie sollen das Haus anzünden.
Wofür hält der Räuber die Augen der Katze?
Für Lampen.
Für zwei Sterne.
Für glühende Kohlen.
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Teil 6
Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertüre hinaus, aber der Hund, der da lag, sprang auf und biss ihn ins Bein: und als er über den Hof an dem Miste vorbei rannte, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß; der Hahn aber, der vom Lärmen aus dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom Balken herab „kikeriki!“ Da lief der Räuber, was er konnte, zu seinem Hauptmann zurück und sprach „ach, in dem Haus sitzt eine gräuliche Hexe, die hat mich angehaucht und mit ihren langen Fingern mir das Gesicht zerkratzt: und vor der Türe steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen: und auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm, das hat mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen: und oben auf dem Dache, da sitzt der Richter, der rief bringt mir den Schelm her. Da machte ich dass ich fortkam.“ Von nun an getrauten sich die Räuber nicht weiter in das Haus, den vier Bremer Musikanten gefiels aber so wohl darin, dass sie nicht wieder heraus wollten. Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.
Glossar
gewaltig
sehr
tüchtig
kräftig
munter
wach
gräulich
schrecklich
anhauchen
anpusten
das Ungetüm
das Ungeheuer
die Holzkeule
dicker Holzstock
der Schelm
der Gauner
sich getrauen
sich trauen
Fragen zum Text
Was macht der Hund mit dem Räuber?
Er bellt nur.
Er beißt ihn ins Bein.
Er jagt ihn in den Wald.
Wofür hält der Räuber den Hahn?
Für eine Hexe.
Für einen Mann mit einem Messer.
Für einen Richter, der „Bringt mir den Schelm her“ ruft.
Was machen die vier Tiere am Ende?
Sie bleiben im Haus, weil es ihnen dort so gut gefällt.
Sie werden Musikanten in Bremen.
Sie gehen weiter nach Bremen.
Erst überlegen, dann die Antworten zeigen; in der App erklärt sie der Tutor.