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Deutsch lesen · C1

Kannitverstan

Johann Peter Hebel, 1811 · 846 Wörter · Niveau C1 · 3 Teile

Eine Geschichte zum Lesen auf C1: der Originaltext (Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, Tübingen 1811), mit Fragen nach jedem Teil, die dein Verständnis prüfen, und einem kurzen Glossar der Wörter, die sich seit 1811 verändert haben. In der App liest der Tutor sie mit dir, stellt die Fragen und erklärt die Antworten.

Teil 1

Der Mensch hat wohl täglich Gelegenheit, in Emmendingen und Gundelfingen, so gut als in Amsterdam Betrachtungen über den Unbestand aller irdischen Dinge anzustellen, wenn er will, und zufrieden zu werden mit seinem Schicksal, wenn auch nicht viel gebratene Tauben für ihn in der Luft herum fliegen. Aber auf dem seltsamsten Umweg kam ein deutscher Handwerksbursche in Amsterdam durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis. Denn als er in diese große und reiche Handelsstadt, voll prächtiger Häuser, wogender Schiffe und geschäftiger Menschen, gekommen war, fiel ihm sogleich ein großes und schönes Haus in die Augen, wie er auf seiner ganzen Wanderschaft von Duttlingen bis nach Amsterdam noch keines erlebt hatte. Lange betrachtete er mit Verwunderung dies kostbare Gebäude, die 6 Kamine auf dem Dach, die schönen Gesimse und die hohen Fenster, größer als an des Vaters Haus daheim die Tür. Endlich konnte er sich nicht entbrechen, einen Vorübergehenden anzureden. „Guter Freund, redete er ihn an, könnt ihr mir nicht sagen, wie der Herr heißt, dem dieses wunderschöne Haus gehört mit den Fenstern voll Tulipanen, Sternenblumen und Levkoien?“ – Der Mann aber, der vermutlich etwas Wichtigeres zu tun hatte, und zum Unglück gerade so viel von der deutschen Sprache verstand, als der Fragende von der holländischen, nämlich nichts, sagte kurz und schnauzig: Kannitverstan; und schnurrte vorüber. Dies war ein holländisches Wort, oder drei, wenn mans recht betrachtet, und heißt auf deutsch soviel, als: Ich kann euch nicht verstehn. Aber der gute Fremdling glaubte, es sei der Name des Mannes, nach dem er gefragt hatte. Das muss ein grundreicher Mann sein, der Herr Kannitverstan, dachte er, und ging weiter. Gass aus, Gass ein kam er endlich an den Meerbusen, der da heißt: Het Ey, oder auf deutsch: das Ypsilon.

Glossar

der Unbestand
die Vergänglichkeit
irdisch
auf der Erde
gebratene Tauben fliegen in der Luft herum
man bekommt alles ohne Mühe
der Handwerksbursche
junger Handwerker auf Wanderschaft
der Kamin
der Schornstein
das Gesims
Zierleiste am Haus
sich nicht entbrechen können
nicht anders können
Tulipanen, Levkoien
Tulpen, Levkojen (Blumen)
schnauzig
unfreundlich, barsch
der Fremdling
der Fremde
der Meerbusen
die Meeresbucht

Fragen zum Text

  1. Worüber kann der Mensch laut dem Erzähler überall nachdenken?
    • Über gutes Essen.
    • Über die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge.
    • Über den Reichtum Amsterdams.
  2. Was fragt der Handwerksbursche den Vorübergehenden?
    • Wo man Deutsch spricht.
    • Nach dem Weg zum Hafen.
    • Wem das wunderschöne Haus gehört.
  3. Was bedeutet „Kannitverstan“ wirklich?
    • „Ich kann euch nicht verstehen.“
    • „Willkommen in Amsterdam.“
    • Es ist der Name eines reichen Mannes.

Erst überlegen, dann die Antworten zeigen; in der App erklärt sie der Tutor.

Teil 2

Da stand nun Schiff an Schiff, und Mastbaum an Mastbaum; und er wusste anfänglich nicht, wie er es mit seinen zwei einzigen Augen durchfechten werde, alle diese Merkwürdigkeiten genug zu sehen und zu betrachten, bis endlich ein großes Schiff seine Aufmerksamkeit an sich zog, das vor kurzem aus Ostindien angelangt war, und jetzt eben ausgeladen wurde. Schon standen ganze Reihen von Kisten und Ballen auf- und nebeneinander am Lande. Noch immer wurden mehrere herausgewälzt, und Fässer voll Zucker und Kaffee, voll Reis und Pfeffer, und salveni Mausdreck darunter. Als er aber lange zugesehn hatte, fragte er endlich einen, der eben eine Kiste auf der Achsel heraus trug, wie der glückliche Mann heiße, dem das Meer alle diese Waren an das Land bringe. „Kannitverstan,“ war die Antwort. Da dachte er: Haha, schauts da heraus? Kein Wunder, wem das Meer solche Reichtümer an das Land schwemmt, der hat gut solche Häuser in die Welt stellen, und solcherlei Tulipanen vor die Fenster in vergoldeten Scherben. Jetzt ging er wieder zurück, und stellte eine recht traurige Betrachtung bei sich selbst an, was er für ein armer Mensch sei unter so viel reichen Leuten in der Welt. Aber als er eben dachte: Wenn ichs doch nur auch einmal so gut bekäme, wie dieser Herr Kannitverstan es hat, kam er um eine Ecke, und erblickte einen großen Leichenzug. Vier schwarz vermummte Pferde zogen einen ebenfalls schwarz überzogenen Leichenwagen langsam und traurig, als ob sie wüssten, dass sie einen Toten in seine Ruhe führten. Ein langer Zug von Freunden und Bekannten des Verstorbenen folgte nach, Paar und Paar, verhüllt in schwarze Mäntel, und stumm. In der Ferne läutete ein einsames Glöcklein. Jetzt ergriff unsern Fremdling ein wehmütiges Gefühl, das an keinem guten Menschen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht, und blieb mit dem Hut in den Händen andächtig stehen, bis alles vorüber war.

Glossar

durchfechten
schaffen, bewältigen
die Merkwürdigkeit
hier: die Sehenswürdigkeit
anlangen
ankommen
der Ballen
großes Paket
salveni (salva venia)
mit Verlaub gesagt
die Achsel
die Schulter
die Scherben
hier: die Blumentöpfe
der Leichenzug
der Trauerzug
vermummt
verhüllt
wehmütig
traurig
andächtig
still und ehrfürchtig

Fragen zum Text

  1. Was sieht der Bursche am Hafen?
    • Ein Kriegsschiff.
    • Fischerboote.
    • Ein Schiff aus Ostindien, aus dem Zucker, Kaffee, Reis und Pfeffer ausgeladen werden.
  2. Was denkt er, als er wieder „Kannitverstan“ hört?
    • Dass Herrn Kannitverstan auch das Schiff gehört und er unglaublich reich ist.
    • Dass er die Stadt verlassen sollte.
    • Dass der Mann ihn beleidigt.
  3. Was unterbricht seine traurigen Gedanken?
    • Ein Gewitter.
    • Ein Leichenzug mit vier schwarzen Pferden.
    • Ein Freund aus Duttlingen.

Erst überlegen, dann die Antworten zeigen; in der App erklärt sie der Tutor.

Teil 3

Doch machte er sich an den Letzten vom Zug, der eben in der Stille ausrechnete, was er an seiner Baumwolle gewinnen könnte, wenn der Zentner um 10 Gulden aufschlüge, ergriff ihn sachte am Mantel, und bat ihn treuherzig um Excüse. „Das muss wohl auch ein guter Freund von euch gewesen sein, sagte er, dem das Glöcklein läutet, dass ihr so betrübt und nachdenklich mitgeht.“ Kannitverstan! war die Antwort. Da fielen unserm guten Duttlinger ein paar große Tränen aus den Augen, und es ward ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. Armer Kannitverstan, rief er aus, was hast du nun von allem deinem Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein Totenkleid und ein Leintuch, und von allen deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust, oder eine Raute. Mit diesen Gedanken begleitete er die Leiche, als wenn er dazu gehörte, bis ans Grab, sah den vermeinten Herrn Kannitverstan hinabsenken in seine Ruhestätte, und ward von der holländischen Leichenpredigt, von der er kein Wort verstand, mehr gerührt, als von mancher deutschen, auf die er nicht acht gab. Endlich ging er leichten Herzens mit den andern wieder fort, verzehrte in einer Herberge, wo man Deutsch verstand, mit gutem Appetit ein Stück Limburger Käse, und, wenn es ihm wieder einmal schwer fallen wollte, dass so viele Leute in der Welt so reich seien, und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff, und an sein enges Grab.

Glossar

der Zentner
50 Kilogramm
aufschlagen
teurer werden
sachte
vorsichtig
treuherzig
arglos, offen
um Excüse bitten
um Entschuldigung bitten
betrübt
traurig
das Leintuch
das Leichentuch
Rosmarin, Raute
Pflanzen auf Gräbern
vermeint
vermeintlich, angeblich
die Leichenpredigt
die Rede bei der Beerdigung
gerührt
bewegt

Fragen zum Text

  1. Was tut der Letzte im Zug, als der Bursche ihn anspricht?
    • Er rechnet aus, was er an seiner Baumwolle verdienen könnte.
    • Er betet.
    • Er weint.
  2. Warum weint der Duttlinger am Grab?
    • Er kannte den Toten gut.
    • Er glaubt, der reiche Herr Kannitverstan sei gestorben, und denkt über Reichtum und Tod nach.
    • Er hat sein Geld verloren.
  3. Woran denkt er später, wenn ihn seine Armut bedrückt?
    • An das Stück Limburger Käse.
    • An die Tulpen vor den Fenstern.
    • An Herrn Kannitverstan: sein großes Haus, sein reiches Schiff und sein enges Grab.

Erst überlegen, dann die Antworten zeigen; in der App erklärt sie der Tutor.

Quelle: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, Tübingen 1811 über Wikisource; der Text ist gemeinfrei. Mehr: alle Geschichten nach Niveau.