Eine Geschichte zum Lesen auf C1: der Originaltext (Selbstwehr. Unabhängige jüdische Wochenschrift, Prag 1915), mit Fragen nach jedem Teil, die dein Verständnis prüfen, und einem kurzen Glossar der Wörter, die sich seit 1915 verändert haben. In der App liest der Tutor sie mit dir, stellt die Fragen und erklärt die Antworten.
Teil 1
Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich,“ sagt der Türhüter, „jetzt aber nicht.“ Da das Tor zum Gesetz offen steht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehen. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: „Wenn es dich so lockt, versuche es doch trotz meines Verbotes hineinzugehen. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des Dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.“ Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tartarischen Bart, entschließt er sich doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und lässt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche eingelassen zu werden und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, dass er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: „Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.“
Glossar
- der Türhüter
- der Wächter an der Tür
- gewähren
- erlauben
- das Verbot
- was nicht erlaubt ist
- zugänglich
- offen für alle
- tartarisch
- tatarisch (aus Zentralasien)
- der Schemel
- kleiner Hocker
- das Verhör
- die Befragung
- teilnahmslos
- ohne Interesse
- bestechen
- mit Geschenken beeinflussen
- versäumen
- verpassen
Fragen zum Text
- Was antwortet der Türhüter auf die Bitte um Eintritt?
- Nur gegen Geld.
- Jetzt nicht, später vielleicht.
- Niemals.
- Was erfährt der Mann über die weiteren Türhüter?
- Sie schlafen alle.
- Es gibt keine weiteren.
- Jeder ist mächtiger als der vorige; schon den dritten kann der erste nicht ansehen.
- Warum nimmt der Türhüter die Geschenke an?
- Damit der Mann nicht glaubt, etwas versäumt zu haben.
- Weil er arm ist.
- Weil er den Mann dann einlassen will.
Erst überlegen, dann die Antworten zeigen; in der App erklärt sie der Tutor.
Teil 2
Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergisst die andern Türhüter und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch und da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muss sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zu ungunsten des Mannes verändert. „Was willst du denn jetzt noch wissen?“ fragt der Türhüter, „du bist unersättlich.“ „Alle streben doch nach dem Gesetz,“ sagt der Mann, „wieso kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat?“ Der Türhüter erkennt, dass der Mann schon an seinem Ende ist und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“
Glossar
- das Hindernis
- was im Weg steht
- verfluchen
- verwünschen
- rücksichtslos
- ohne Rücksicht
- kindisch werden
- wie ein Kind werden
- umstimmen
- die Meinung ändern lassen
- das Augenlicht
- die Sehkraft
- unverlöschlich
- nicht zu löschen
- erstarren
- steif werden
- unersättlich
- nie zufrieden
- der Einlass
- das Hineinlassen
Fragen zum Text
- Was tut der Mann in den vielen Jahren?
- Er reist nach Hause.
- Er versucht, heimlich hineinzugehen.
- Er beobachtet den Türhüter fast ununterbrochen.
- Was erkennt der Mann kurz vor seinem Tod?
- Einen Glanz, der aus der Tür des Gesetzes bricht.
- Dass der Türhüter geschlafen hat.
- Dass es das Gesetz nicht gibt.
- Was sagt der Türhüter zuletzt?
- Dass der Mann zu spät gekommen ist.
- Dass dieser Eingang nur für den Mann bestimmt war und jetzt geschlossen wird.
- Dass er den Mann jetzt einlässt.
Erst überlegen, dann die Antworten zeigen; in der App erklärt sie der Tutor.